Würgengel

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Alter Stolleneingang Grube Würgengel

Die Grube Würgengel ist eine alte Eisenerzgrube zwischen Braunfels und Tiefenbach in Mittelhessen nahe der Lahn. Nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft waren die Grubenhäuser Notunterkünfte für vertriebene Familien aus dem Sudetenland. Von diesen Gebäuden und den Tagesanlagen des 1945 stillgelegten Bergwerks stehen nur noch von Pflanzen überwucherte Ruinen auf einer Lichtung Mitten im Wald. Eine einsame Landstraße windet sich durch das Zwielicht der Bäume von der früheren Brauerei zu dem rund tausend Einwohner umfassenden Ortsteil Tiefenbach. Das Dorf liegt so versteckt, dass erzählt wird die Alliierten hätten es im Zweiten Weltkrieg erst nach langer Suche finden können.
Da ich aus Braunfels stamme, habe ich schon früh von den Legenden, die sich um die Grube Würgengel ranken, gehört. Die Stadt, mit ihrem über den Häusern thronenden Märchenschloss und den scheinbar endlosen Wäldern, die in alle Richtungen reichen wie ein Ozean, wirkt selbst wie einer Schauergeschichte entsprungen.

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Schloss Braunfels

Nordwestlich, zwischen dem örtlichen Heimatmuseum und einigen Teichen, führt eine einzige enge Straße durch den angeblich von Geistern bevölkerten Wald in Richtung Tiefenbach.
Nach rund fünf Minuten zweigt ein steiler Pfad zwischen den Bäumen zur Rechten von der Hauptstraße ab.
Ein einziges Mal war ich zuvor hier. Als ich 18 Jahre alt war und mit einer Gruppe anderer Betrunkener nach einer Feier diesen Weg hoch marschierte. Nach ungefähr der Hälfte der Strecke machten wir dann allerdings kehrt.
Letztes Jahr fuhr ich mit meiner Freundin den mit Schlaglöchern übersäten Weg wieder hinauf. Es war ein heller Sommernachmittag im Juli, doch die dichten Baumkronen schirmen die Sonnenstrahlen ab und tauchen alles in eine immerwährende Dämmerung.
Jahre zuvor war meine Mutter einmal ihrer Neugierde gefolgt und mit ihrem Hund dort entlang gegangen, hatte sie mir ein paar Tage zuvor erzählt. Sie habe aber ein ungutes Gefühl bekommen und der Hund begann ebenfalls nervös zu werden, also drehte sie um und ging zurück.
Von uns beiden empfand jedoch keiner etwas Beängstigendes, während ich uns um die tiefen Mulden herum navigierte.
Oben angekommen öffnete sich das Dickicht vor uns auf einen sonnigen Platz. Ich parkte das Auto auf der Lichtung und wir stiegen aus. Es wirkte eigentlich recht friedlich hier. Nicht sonderlich furchteinflößend jedenfalls. Vögel zwitscherten und Bienen summten umher.

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Meine Freundin fing an Fotos zu machen während wir uns umsahen. Da war eine Feuerstelle und ein bisschen Müll der dort verteilt war. Dahinter ragten einige graffitiverzierte Betonüberreste aus der Vegetation hervor. Wir gingen die verwitterten Stufen zu einer von Bäumen und Sträuchern umfassten Bucht hinauf. Auch hier ein paar leere Dosen und Bierflaschen, sonst nichts. Ich stieg durch die Büsche einen Hang hinauf. Dort lag eine Art kleines Pumpenhaus. Ich ging weiter und erreichte nach wenigen Schritten einen Abhang und der Wald öffnete sich zu einer zweiten Lichtung. Wie ein Tal breitete sich eine pflanzenüberwucherte Schlucht vor mir aus. Ich schoss ein paar Fotos ohne besondere Vorkommnisse und machte dann wieder kehrt.

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Meine Freundin wartete beim Auto. Als ich die Treppe hinabstieg bemerkte ich plötzlich eine Bewegung im hohen Gras links neben mir. Ich sah genauer hin und stellte fest, dass auch die Behauptung Tiere würden diesen Ort meiden eine Legende ist. Ein Kaninchen hoppelte unbeeindruckt von dem Fluch, der auf diesem Platz liegen soll, umher.
Ich ging noch ein Stück einen Weg entlang, der in die andere Richtung in den Wald führt, aber ich konnte hier ebenfalls nichts Außergewöhnliches entdecken. Schließlich machte ich mich mit dem Entschluss auf den Rückweg, mir die Sache mal bei Nacht genauer anzusehen. Meine Freundin teilte mir allerdings mit, dass sie sich weigert im Dunkeln noch einmal hierher zu kommen. Ich würde also allein zurückkehren müssen.
Zuhause schauten wir uns dann die Bilder an.
Zuerst war nichts Besonderes festzustellen. Doch eines der Fotos, das in dem alkovenhaften Raum hinter der Treppe gemacht wurde, war merkwürdig verzerrt. Das Bild erweckte einen zoomartigen Bewegungseindruck, der in der Fotografie und Videotechnik Dolly-Effekt genannt wird. Normalerweise ist es eher schwierig dieses Phänomen hervorzurufen. Insbesondere wenn die Belichtungszeit kurz ist (in diesem Fall 1/15 einer Sekunde) und man dabei nicht zoomt. Allerdings teilte mir ein Fotograf mit, dass es nicht unmöglich ist. Wenn man sich bei der Aufnahme ruckartig auf das Objekt zubewegt, stellt sich ein solches Resultat ebenfalls ein. Das Problem ist nur, dass meine Freundin sich nicht an irgendeine Bewegung von ihr erinnern kann. Wir versuchten dann dennoch den Effekt durch abrupte Bewegungen beim Fotografieren zu wiederholen und konnten auch tatsächlich bei starkem Vorwärtsschnellen des Oberkörpers ähnliche Ergebnisse reproduzieren. Wie auch immer, das Foto ist auf jeden Fall kein ernstzunehmender Hinweis auf irgendetwas Übernatürliches.

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Dolly-Effekt

Andere berichten da von beeindruckenderen Erfahrungen. Angeblich soll eine Gruppe von drei Motorradfahrern dort oben eine mehrere Meter große weißgrün leuchtende Kugel gesehen haben. Ihre Maschinen seien alle gleichzeitig ausgegangen und ließen sich nicht mehr starten bis sie sie wieder auf die Straße geschoben hatten.
Außerdem gibt es Berichte von einer in Weiß gekleideten  Frauengestalt, die über dem Boden schwebt. Diese Erscheinung wird entweder einer Braut zugeschrieben, die an ihrem Hochzeitstag zusammen mit ihrem Ehemann bei einem mysteriösen Autounfall an der Straße zum Würgengel ums Leben gekommen sein soll oder einer anderen Frau, die dort erhängt worden sein soll.
Blutige Abdrücke von Kinderhänden sollen zudem aus dem Nichts an den Fenstern und der Karosserie von Autos erscheinen und man könne geisterhafte Skelette sehen wird erzählt.
Der Ursprung der eigentlichen Legende um den Ort ist nicht ganz klar. Es wird vermutet, dass es sich beim Würgengel um einen alten Gerichtsplatz handelt. Das würde auch zu den gelegentlichen Sichtungen von Erhängten in den Bäumen passen. Ein Mädchen soll dort an einer Eiche aufgeknüpft worden sein, weil sie ihre Eltern verspeißt hatte.
Natürlich sind das alles bloß Anekdoten und Spekulationen. Aus erster Hand weiß ich von einem Bekannten, dass sich ein Freund von ihm dort am höchsten Baum erhängt hat.
In den letzten Jahrzehnten war der Würgengel vor allem für schwarze Messen und ähnliche satanistische Treffen berüchtigt. Es wurde sogar ein Pferd gefunden, das die Teufelsanbeter aufgehängt und ausbluten gelassen haben. Die Polizei hatte danach mehrfach Razzien durchgeführt und die Aktivität ist seitdem zum Erliegen gekommen.
Nach wie vor wird aber von paranormalen Vorkommnissen berichtet. Vor allem technische Anomalien sollen auftreten: Autos gehen aus und verschließen sich. Handys haben keinen Empfang mehr. Taschenlampen, Videokameras, Fotoapperate und andere Geräte schalten sich ohne erkennbaren Grund aus.
Ein paar Wochen nach meinem ersten Besuch begab ich mich wieder dorthin. Diesmal um halb elf Uhr nachts und alleine.
Es war stockfinster und ein leichter Nieselregen hatte eingesetzt als ich durch den dichten Wald fuhr. Der Asphalt war von Nebelschwaden verhangen und die Straße völlig verlassen. Das Szenario könnte aus einem Horrorfilm stammen.
Ich bog auf den Waldweg und manövrierte den Wagen rumpelnd bis hinauf auf die Lichtung. Jetzt war es hier nicht mehr so entspannend wie im gleisenden Sonnenschein. Ich blieb stehen und stellte den Motor ab. Einen Augenblick überlegte ich, ob ich die Scheinwerfer auch ausschalten soll, ließ sie dann aber an. Man muss es ja nicht übertreiben.

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Vom Beifahrersitz nahm ich den Fotoapparat und eine Taschenlampe und stieg aus. Ich schoss recht willkürlich ein paar Bilder von meiner Umgebung und machte mich auf den Weg die Treppe hinauf und durch das Geäst zu der kleinen Schlucht dahinter. Immer begleitet von einer überwältigenden Gänsehaut. Ich ging zwischen den Bäumen entlang, meine Umgebung nur erleuchtet von dem Lichtkegel meiner Taschenlampe. Das Einzige, was ich hören konnte, waren meine eigenen Schritte in der Stille. Nachdem ich einige Fotos gemacht hatte, kehrte ich um. Als ich aus der Böschung kam konnte ich schon die Scheinwerfer meines Autos in der Ferne brennen sehen. Dann erlosch meine Taschenlampe. Ohne Vorwarnung. Einfach so. Ich blieb in der Dunkelheit stehen, blickte auf das nun nutzlose Ding in meiner Hand … und sie ging wieder an. Ganz von selbst.
„Okay“, dachte ich. „Das war interessant.“

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Ich ging zum Auto und setzte mich hinein. Es waren rund 20 Minuten vergangen seit ich angekommen war. Ich schaltete die Scheinwerfer aus und wartete in der Finsternis. Nichts geschah. Einmal hatte ich den Eindruck hinter mir ein Geräusch zu hören, doch das kann auch meine Einbildung gewesen sein. Nach zehn Minuten drehte ich das Licht wieder an und startete die Zündung. Der Motor sprang ohne Probleme an. Ich wendete den Wagen und fuhr zur Hauptstraße hinunter und zurück nach Hause. Es war Viertel nach elf als ich ankam. Nicht viel schlauer als zuvor.
Die Fotos zeigten auch nichts Spektakuläres. Eine große Zahl an Artefakten war zwar zu sehen, also die kleinen Leuchtkugeln, die gelegentlich in digitalen Fotografien auftauchen und „Geisterflecken“ genannt werden, doch die sind physikalisch durchaus erklärbar.
Was ich immerhin bestätigen kann, ist, dass sich manchmal Taschenlampen ohne offensichtlichen Grund aus- und wieder einschalten. Und das obwohl meine Taschenlampe keinen Mechanismus hat, der zwischen an und aus unterscheidet. Das heißt, wenn man die Batterien aus dem eingeschalteten Gerät nimmt und sie wieder einsetzt, dann geht das Licht nicht automatisch an. Trotzdem kann natürlich ein elektronischer Defekt dafür verantwortlich gewesen sein. Das Ganze hat schließlich nur wenige Sekunden gedauert. Ob dieses seltsame Verhalten nun auf Geister oder Kraftfelder oder einen profanen Wackelkontakt zurückgeführt werden soll, lasse ich offen. Bei Gelegenheit, wenn ich wieder mal in Deutschland bin, werde ich dem Würgengel jedenfalls einen weiteren Besuch abstatten. Und ich ermutige jeden zu einer eigenen Exkursion in den Tiefenbacher Wald.
Die Wahrheit ist irgendwo da draußen. 😉

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